Ryszard
Gorecki blickt seit zwanzig Jahren über den Fluß nach Frankfurt. Nicht über
den Main, sondern über die Oder. Denn er lebt in Slubice, 70 Kilometer vor
den Toren Berlins. Seit Jahr und Tag schaut er aus seinem kleinen Büro im
Kulturhaus SMOK auf eine Front von Plattenbauten, die hinter der Brücke
großstädtisch in den Himmel ragt. Während auf der Oder Eisschollen in
Richtung Ostsee schwimmen, stehen auf dem Damm unter seinem Fenster einige
deutsche Einkaufstouristen, um sich gemeinsam ein Sammeltaxi zum Basar am
Ende der Stadt zu nehmen. Auf der Brücke staut sich wie immer der
Grenzverkehr. „Für mich gibt es hier nichts mehr zu tun“, sagt Gorecki
ruhig.Durch eine gewaltige Glasfront dringt Tageslicht in die mit weißen
Kacheln ausgelegte Galerie. Der Blick des Besuchers fällt beim Betreten des
im vom vierten Stockwerk gelegenen Saales unweigerlich auf das weite
Schwemmland, wo die Grenze zwischen Deutschland und Polen nicht mehr zu
erkennen ist. Der Raum ist leer, die letzten Exponate sind bereits verpackt,
es sind Werke von den Berliner Künstlern Reinhard Kühl, Claudia Reinhardt
und Maren Roloff. „Slubice – Berlin“ beendete einen Zyklus von
Ausstellungen, mit denen Gorecki seine Galeria Prowincjonalna sehr genau auf
der Landkarte der europäischen Gegenwart verortet hatte. Nicht irgendwo
„Zwischen Berlin und Sibirien“, wie eine seiner nächsten Ausstellungen
heißen sollte, sondern im Zentrum Polens und in der Mitte des Weges von
Warschau nach Berlin.
So war es dem Galeristen gelungen, die Suchbewegungen zeitgenössischer
polnischer Kunst eben hier sichtbar zu machen – an der Stelle, wo die
geistigen Korridore zwischen Berlin und Krakau, Danzig, Breslau sowie
Warschau die einst scharf bewachte und heute wohl gehütete Grenze
durchbrechen. Gorecki hat die Energie dieses Aufpralls an der
realexistierenden und imaginären Grenze sichtbar gemacht, indem er neuer
polnischer Kunst einen Raum gab. Und die Künstler stellten gerne bei ihm aus
– die Aura der Galeria, aber auch die Nähe zu Berlin zogen sie an. So wurde
die Prowincjonalna zu einer der renommiertesten Galerien der dritten
Republik, Polnische Künstler stiegen auf dem Weg nach Berlin aus, um im
Grenzland nach dem rechten zu sehen, Berliner kamen hierher, um sich in
Polen umzuschauen.
n der
offiziell 17.000 Einwohner zählenden Stadt, in der etwa 250 Taxifahrer, 150
Friseusen, 2000 Händler und Verkäufer, 400 Huren, 1500 Studenten sowie 1000
Arbeitslose wohnen und sich unzählige Schmuggler, Diebe, Hehler und Schieber
aufhalten, schätzten Goreckis Galerie nur wenige. Das Kulturhaus wird sonst
fast ausschließlich von hopsenden sowie trällernden Jungen und Alten
frequentiert. Die Direktorin klagt resigniert über Geldmangel, statt Kapital
aus der Lage des Hauses zu schlagen. Die meisten Studenten trotten zu ihren
Vorlesungen an der Viadrina, ohne auch nur zu ahnen, dass es hier so etwas
wie eine Galerie gibt – sie trauen es der Stadt nicht zu. Die meisten
Ur-Einwohner von Slubice, die zum großen Teil nach Ende des Zweiten
Weltkriegs als Vertriebene aus den polnischen Kresy in die „wiedergewonnen
Gebiete“ kamen, interessieren sich gar nicht für das Treiben in der Straße
des 1. Mai, Haus Nummer eins. Und doch glaubte Gorecki immer an Slubice. Das
Provinzielle, Gebrochene und Unanschauliche an seiner Heimatstadt, in die er
nach dem Studium in Zielona Gora zurückkehrte, inspirierte ihn und so
beschloss er vor zwanzig Jahren gerade hier, fern ab von den Zentren, damals
noch am äußeren Rand des Landes eine Galerie zu gründen. „Es gibt in Slubice
nur einen kleinen Kreis von Jugendlichen, die überhaupt wissen, dass es so
etwas wie zeitgenössische Kunst gibt“ – so widmete Gorecki seine Kraft
außerhalb der Galerie vor allem seinen Schülern, die er in Grundtechniken
der Malerei lehrt. Drei von ihnen studieren inzwischen an den
Kunsthochschulen in Weimar und Dresden – ob es deutsche oder polnische
Jugendliche sind, die er lehrt, ist Gorecki egal. Er spricht fließend
Deutsch und pflegt seit Jahren Kontakte mit der anderen Seite. Mit dem
Frankfurter Museum Junge Kunst hat er in der vergangenen Dekade immer wieder
gemeinsam Ausstellungen konzipiert. Er fährt zu Vernisagen nach Berlin und
stellt selbst in Deutschland aus. Da auch die meisten Besucher der Galeria
Prowincjonalna vom anderen Oderufer kommen, wurde sie mit der Zeit zu einem
inoffiziellen Auskunftsbüro, das als Schaltstelle zwischen der Szene in
Berlin und den polnischen Kunstzentren fungiert. Als Kurator setzt er seine
Intuition in der Auswahl der Werke um. Schon früh widmete er seine
Ausstellungen Rauminstallationen und Projektionen, da diese in Polen kaum zu
sehen waren. Gorecki selbst blieb aber dadurch, dass er seine Provinz immer
ernst nahm und sich gleichzeitig konsequent über sie lustig machte – das
Logo der
Galeria ziert
nicht zufällig ein Schwan – ein stiller und genauer Beobachter der
Veränderungen in Slubice. So muss es auch im Gespür Goreckis gelegen haben,
als er Reinhard Kühl einlud, in „Berlin – Slubice“ eine Vielzahl von kleinen
Temperastudien amerikanischer Einfamilienhäuser aneinander zu reihen. Begibt
man sich aus der scheinbar von der Wirklichkeit des Grenzlandes entlegenen
Galerie an den Rand von Slubice in Richtung der Autobahn, die Berlin und
Warschau in ferner Zukunft verbinden soll, erblickt man hinter dem einstigen
Ostmarkstadion eine Siedlung, die der synthetischen Welt von Reinhard Kühl
gleicht – eine amerikanische Einfamilienvilla ist idyllisch an die andere
gereiht. Die Eintracht wird nur von dem ein oder anderen nordischen Haustyp
gestört, auch ein stilisiertes polnisches Adelsgut aus den frühen 90ern des
vergangenen Jahrhunderts stört das reine Abbild. Hier haben die neureichen
Besitzer von Zigarettenläden, Wechselstuben und diversen
Dienstleistungsfirmen sowie einige Politiker ihr schnell erwirtschaftestes
Geld investiert, nicht im maroden Stadtzentrum.
Doch nun ist alles vorbei. Die alljährlichen Verhandlungen mit dem
Kulturhaus, in dem der Galerist noch bis März angestellt ist, brachten
wieder eine Kürzung des Budgets. Goreckis Eindruck, die Stadt schätze ihre
Galerie nicht, bestätigte sich abermals und deshalb wird es in diesen Räumen
keine Galeria Prowincjonalna mehr geben. Doch sie wird auch an einem anderen
Ort entstehen können, denn der Kurator hat die Provinz fest in sein Herz
geschlossen und im Kopf hat er ein enges Netz gesponnen, in dem sich der
Geist der Metropolen verfangen hat. Wie in der Ausstellung „Polonia Slubice“
wird sich Gorecki an das Motto halten: Don´t worry.
Beobachtungen aus der
Doppelstadt
Farbige
Links nach Slubice
Spaziergänge durch Frankfurt Oder Slubice