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Ein Europäer

von Krzysztof Mik, Übersetzung von Birgit Sekulski

Ein Europäer

Der Europäer stand wie gewöhnlich mit dem linken Fuß auf, schritt über die auf dem Fußboden ausgebreitete Frankfurter Allgemeine Zeitung hinweg und tappte, immer noch verschlafen, ins Bad. Er wusch und rasierte sich ohne einen einzigen Blick in den Spiegel zu werfen. Das tat er schon seit mindestens vier Jahren nicht mehr, und so wusste er wirklich nicht genau, ob und wie er gealtert war. Er fürchtete sich vor dem täglichen Vergleich mit den anderen, denn schließlich waren alle um ihn herum immer schön und mit sich selbst zufrieden.

Er setzte sich vor den Fernseher, in dem gerade gezeigt wurde, wie in Afrika die UNO-Helden Trockenmilch unter den Opfern von Stammesfehden verteilten. Im Zimmer verbreitete sich der Duft von frisch gebrühtem Kaffee, harmonisch vereint mit dem feinen Knuspern noch warmer Brötchen und dem hellen Glanz pausbäckiger, in einer Schale zu einer kleinen Pyramide aufgehäufter Äpfel. Das Frühstück des Europäers war heute etwas reichhaltiger als sonst, denn gerade heute, am dreizehnten, am Freitag, sollte er die womöglich wichtigste Entscheidung in seinem Leben treffen.

Der Europäer war früher einmal Pole gewesen. So einer, der an Gott glaubte, in Pfadfinderuniform herumlief und gegen den Kommunismus kämpfte. Danach war er zum Tellerwaschen nach Amerika gefahren, um die Freiheit von all denen, die ihm immer das Beste wünschten, zu genießen. Vom Vater. Von dem Mädchen mit dem hübschesten Lächeln der Welt. Vom Nachbarn, dem er oft geholfen hatte, Beschwerden über unfähige Behörden zu verfassen. Am Ende kam er nach Deutschland, da er sich während eines Freundschaftsspiels USA-BRD daran erinnert hatte, dass seine Mutter zu Zeiten geboren worden war, als man in seinem Heimatdorf noch hauptsächlich Deutsch sprach.

Der Europäer kochte gern, konnte es nicht ausstehen, Anzüge zu tragen und die eigene Wohnung aufzuräumen, war dazu noch ein ungewöhnlich sensibles Wesen und glaubte in Augenblicken höchster Verzweiflung an die Wiedergeburt. Übrigens war dieser letzte Charakterzug im Grunde genommen gar nicht so lächerlich, wie es auf dem ersten Blick erscheinen mochte - war doch sein Heimathaus bis zum ersten September 1939 Sitz des deutschen Zollamtes gewesen und auf einem kleinem Hügel erbaut, auf dem bis zum 8. Jahrhundert unserer Zeit heidnische Slawen ihre Toten bestatteten, im 10. Jahrhundert der heilige Adalbert auf seiner Mission zu den Pruzzen betete, auf dem im 17. Jahrhundert 36 Soldaten Karl Gustavs in einem von Katholiken organisierten Hinterhalt umkamen, im 19. Jahrhundert auf dem Weg nach Moskau Napoleon sein Zelt aufschlug, und im Januar 1945 der erste russische Panzer, der ins Dorf kam, durch eine Granate getroffen wurde.

Der von der Normalität nicht verseuchte Mensch - ohne Kinder, Hund, "Heimat" und irgendwelchen Träumen, im Lotto zu gewinnen - wohnte im Zentrum einer Arbeitersiedlung einer mittelgroßen Stadt zwischen Brüssel und Köln. Genau dort, wo in der Vergangenheit Aristokraten mit Hilfe des örtlichen Quellwassers ihre Syphilis kurierten, und die Söhne der Parteifunktionäre von jenseits des Eisernen Vorhangs im Kasino den Mehrwert verspielten, den die zum Sozialismus verurteilten Menschen geschaffen hatten. Mit Auszeichnung hatte er drei Fakultäten abgeschlossen, er sprach fünf Sprachen, und Kant und Plato kannte er nicht nur aus Comics, sondern auch aus der direkten, schweren, angestrengten und vor allem ungeheuer langweiligen Lektüre. Er arbeitete in einer Bonbonfabrik und das aus eigener Wahl. Er fürchtete nämlich, dass er als Programmierer, Werbefachmann oder Verkäufer von Versicherungen sich solchem Stress aussetzen würde, dass er gezwungen wäre, Urlaub auf Mallorca zu machen und er es sich nicht würde leisten können, kein Handy zu besitzen. Dass ihm keine Zeit für die Angst, für die Scham und die Ironie bleiben würde. Dass er seinen Pessimismus verstecken und sich zumindest alle zwei Jahre ein neues Auto zulegen müsste.

Er zog aus dem Küchenschrank drei Messer. Das erste hatte er irgendwann einmal auf dem Flohmarkt gekauft, und er benutzte es zum Gemüseschneiden. Das zweite war eigentlich weniger ein Messer als ein Bajonett, das er noch aus Polen mitgebracht hatte, wo er es in einem Laden mit Armeerestbeständen erworben hatte. Das dritte war ein Springmesser, das er vor kurzem von einem Händler auf einem der Grenzmärkte zum Geschenk erhalten hatte. Mit seiner kleinen, knochigen Hand strich er über die drei verschieden geformten Klingen und schüttelte sich vor Ekel bei dem Gedanken an Menschenblut. Nur deswegen, weil er in seiner Jugend passioniert geangelt hatte und manchmal die Fische ausweidete, wusste er, was es heißt, eigenhändig den Tod zu geben. Neben die Messer legte er auf den Tisch eine drei Meter lange Nylonleine, auf der er gewöhnlich seine Wäsche trocknete, und danach ebenfalls eine bunte Bonbondose voller Arsenik. Er hatte sie erhalten oder vielleicht auch gestohlen, als er vor Jahren einer entfernt verwandten Cousine seiner Mutter, die an der Peripherie von Paris eine Apotheke führte, bei der Arbeit geholfen hatte. Er putzte das erste Mal seit Wochen gründlich die Gläser seiner unmodernen Brille und packte sorgfältig alle vorbereiteten Gegenstände in einen kleinen Rucksack mit der Aufschrift "Just for fun". In eine Seitentasche steckte er zwei Disketten und trat, nachdem er sich eine Zigarette angezündet hatte, mit langsamen, aber entschlossenen Schritten hinaus ins Treppenhaus. Nach einigen Sekunden des Zögerns drückte er den Klingelknopf an der Tür ihm gegenüber.

Der Europäer hatte zwei große Komplexe. Der erste war sein starres Gesicht. Er konnte sich schon nicht mehr erinnern, wann es das letzte Mal feucht vor Tränen des Lachens oder des Weinens gewesen war. Noch vor zwanzig Jahren wurde er sogar bei einigen sowjetischen Liebesfilmen gerührt. Jetzt maskierte er sich und die "Gefühlsverarbeitung" übernahm sein Bauch oder - genauer gesagt - sein gesamtes Verdauungssystem. Wenn er nervös war, produzierte sein Magen ein Übermaß an Säure und er roch übel aus dem Mund. Freute er sich, aß er Massen von Süßigkeiten und wurde wegen des vielen Zuckers schwerfällig und schläfrig. War sein Zustand unbestimmt, d.h. ohne besondere Adrenalinstöße in seinem Organismus, bekam er regelmäßig einen Schluckauf. Sein starres Gesicht wurde so unerträglich und schädlich im Alltagsleben, dass, als er sich vor ein paar Wochen um einen Platz in der nächsten Ausgabe von "Big Brother" (in der Version für gebildete, sportliche Nichtraucher) bewarb, ihm abgeschrieben wurde, weil er nicht in der Lage sei, seine Gefühlsregungen zu zeigen und damit für einen potentiellen Fernsehstar ungeeignet wäre.

Die Nachbarin des Europäers war mehr als verwundert über seinen Besuch. Dabei kam sie doch ständig rüber, um von ihm Salz oder Zucker zu borgen. Und sie war es auch, die ihm immer den neuesten Klatsch aus dem vierstöckigen Haus berichtete. Sie war 40, hatte eine vierjährige Tochter, eine Katze und viel Zeit, obwohl sie ständig jammerte, wie sehr sie von der Suche nach einer neuen Arbeit in Anspruch genommen wäre. In Wahrheit kamen entweder ihre Ex-Männer für ihren Unterhalt auf oder der Staat, der sich in diesem Land immer mehr von einer Fürsorgeeinrichtung der Armee in eine Fürsorgeeinrichtung für allein erziehende Mütter umwandelte. In beiden Fällen letztendlich mit dem selben frommen Ziel: der Erhaltung der Kraft und Vitalität des Volkes. Der Europäer wartete, bis die Frau ihm einen Kaffee anbot und machte es sich sofort in einem Ledersessel bequem, neben den er mit einer eleganten Bewegung, das heißt fast unbemerkt, seinen Rucksack stellte.

Die Frau, die immer unterstrich, dass ihre Vorfahren einst aus Frankreich gekommen waren, servierte zu dem günstig in Holland gekauften Kaffee selbst gebackene Plätzchen, aus der Ukraine geschmuggelte Zigaretten und lange Inhaltsangaben der letzten Folgen der beliebtesten amerikanischen Fernsehserien.
"Ich bin, Gott behüte, keine Rassistin, aber dieser Kümmeltürke aus dem dritten regt mich auf. Bis zweiundzwanzig Uhr ist praktisch nichts von ihm zu merken, aber danach ist es plötzlich so laut, dass Maggi, meine arme Mieze, fast verrückt wird..."
Der Europäer drückte sich vor einem Kommentar, indem er einen großen Schluck aus dem gewaltigen Becher mit der Aufschrift "Take it easy" nahm.
"Manche Leute können sich eben einfach nicht anpassen und basta." setzte die Nachbarin rastlos fort, nicht für einen Deut daran interessiert, warum sie der unerwartete Gast eigentlich besuchte.

Ein noch größerer Komplex des Europäers war sein ungebremster Schreib-Trieb, das Begehren, der Welt, besser noch den Nachkommen, seine Gedanken und Abenteuer mitzuteilen. Er begann ganz offiziell mit 16, als er eine Schulzeitung redigierte. Obwohl er damals für nicht mehr als ein paar Dutzend, höchstens einige hundert Leute schrieb, wurde er geschätzt, bewundert und sogar diskutiert wegen der Themen, die er in seinen Artikeln berührte. Als er einige Jahre später bedeutend bessere und vor allem thematisch gewichtigere Texte in großen, landesweiten Zeitungen veröffentlichte, also für Tausende von Lesern, kannte ihn niemand, blieb er anonym wie ein mittelalterlicher Schreiber. Er begriff, dass man wirklich bekannt und beliebt erst dann war, wenn man jemand persönlich erkannte - vom Gesicht, von einem zufälligen Witz, einem Stück erzählter Biographie. Egal ob direkt oder vermittelt über Radio und Fernsehen. Würde es keine Lehrer geben, die der Jugend einredeten, dass Schriftsteller sich in Nationaldichter und sonstige gliederten, dass Goethe ein Spitzel, Mickiewicz hingegen ein Nationalheld gewesen sei, bedeuteten deren Namen für die Massen genau so viel oder wenig wie Kowalski oder Schmidt. Gleich einem süchtigen Raucher, der irgendwelche Kippen ebenso gierig wie echte Havannas pafft, ziselierte er jegliche Art seines Schreibens - von den Gedichten an die Geliebten über Briefe an die Freunde bis hin zur Korrespondenz mit drittrangigen Zeitungen. Nur um sich vollzusaugen an der Wonne, die langsam und unsichtbar seine Gesundheit ruinierte.

"Entschuldigung, darf ich mal bitte das Bad benutzen?", fragte er, gelangweilt vom Starren auf die zwei Regale voller Fotoalben, Horoskope, esoterischer "Bibeln" und Drei-Groschen-Liebesromane.
"Aber natürlich!" hörte er die freudige Stimme der Frau, die dadurch erneut Gelegenheit hatte, die Sauberkeit und Ordnung ihrer Wohnung zu präsentieren.
Er setzte sich müde auf die Klobrille, so wie man auf dem Sessel im Sprechzimmer eines Psychiaters Platz nimmt, und griff sich an den Kopf.
Das ganze Problem des Europäers bestand darin, dass er irgendwann aus seinem Schicksal herausgesprungen war, so wie manchmal einer plötzlich Zigaretten holen gehen will und dann erst Jahre später nach Hause zurückkommt. Auch er wollte sich für eine Weile aus der ihm zugeteilten Rolle befreien und einmal sehen, wie das ist, wenn man nicht nur in den entscheidenden Momenten des Lebens über sich selbst bestimmt, sondern ständig, in jeder Minute und in jeder Sekunde. Wie ein Existentialist. Bloß nicht einer aus den Büchern von Sartre oder Camus, sondern eher wie eine Versuchsratte, überall und von allen verfolgt. Aus einem Augenblick wurden zehn Jahre und zur Rückkehr begann es an einer Gelegenheit zu mangeln. Die einzige Möglichkeit, sich selbst der wahren, also der im Fernsehen und in den Zeitungen beschriebenen Welt in Erinnerung zu bringen, war gleichzeitig ein Meisterwerk zu schreiben und einen spektakulären Mord zu begehen. Da er gestern in der Nacht sein Meisterwerk beendet hatte, musste er in den nächsten Stunden jemanden ermorden.

"Ich geh' dann mal wieder", sagte er und wandte sich in den Korridor. "Können Sie mir bitte meinen Rucksack geben?"
"Wieso? Müssen Sie zur Arbeit?"
"Nein. Heute habe ich was anderes Wichtiges zu erledigen", lächelte er traurig wie jemand, den man aus dem Mittagsschläfchen aufgeweckt und zum Abwaschen des Geschirrs abkommandiert hatte.

Während er rasch die Treppen herunterlief, rechtfertigte er sich vor sich selbst. "Eher könnte ich sie bumsen als umbringen. (Obwohl sicherlich beide Möglichkeiten ihn mit dem gleichen Widerwillen erfüllten.) Mein Mord muss ästhetisch sein. In der wahren Kunst zählt nur die Originalität. Was kann am Töten eines Menschen originell sein? Sicher nicht die Art und Weise, wie man das macht, und sicherlich nicht das Motiv. Heute tötet man genau so für die Verteidigung des Vaterlands wie um einer Uhr willen. Wenn ich diese Frau töten würde, käme ich höchstens in den lokalen Polizeibericht oder im besten Fall in die Regenbogenpresse. Und das - wenn man die Ansichten dieses Weibs in Betracht zieht - als rechter Nationalist oder als Linksextremist. Das wäre eine äußerst schlechte Reklame für mein Meisterwerk. Eher eine Anti-Werbung. Ich muss völlig grundlos jemanden umbringen. Mehr noch. Ich muss eine Person töten, die mich eigentlich fördert und mir helfen kann. Zum Beispiel beim weiteren Ausbau meiner schriftstellerischen Karriere. Ich muss mich selbst negieren. Die Gründe meines Tuns, des Verhaltens eines Gebildeten und Menschen von überdurchschnittlicher Intelligenz, müssen so absurd sein, dass es sich stundenlang über sie philosophieren lässt, das heisst, dass man weitere Bücher darüber schreiben oder zumindest ein paar wichtigen Zeitschriften und bedeutenden Fernsehstationen Interviews geben kann. Was immer ich auch tun werde, ich darf nie vergessen, dass es besser ist, aus dem Gefängnis für fünf Millionen Leser zu schreiben als auf einer eigenen Insel unter einer Kokospalme für lediglich ein paar Dutzend."

Er setzte sich auf eine Bank im Park, wo sich zu dieser Zeit vor allem die versammelten - außer ein paar Studenten vielleicht -, für die der Erfolg schon seit langem aufgehört hatte ein übergeordnetes Ziel im Leben zu sein und die Langeweile etwas, was nicht zu ertragen ist: Arbeitslose, Rentner, hauptberufliche Mütter. Wenn er auf die vorübergehenden Frauen mit den unter großen Tüchern verhüllten Köpfen und ihre energiegeladenen dunkelhaarigen Sprösslinge blickte, konnte er seinen Zynismus nicht zurückhalten: "Wenn diese Ankömmlinge aus einer Kultur, in der man für einen Diebstahl die Hand abhackt und für Ehebruch steinigt, erfahren würden, dass ich, dieser sympathische Brillenträger, von Geburt an erfüllt mit christlicher Liebe und sozialistischem Gefühl für soziale Gerechtigkeit, unter bestimmten Umständen genauso emotions- und grundlos imstande bin, ihren Kindern einen Lutscher zu geben wie ihnen den Hals zu brechen... Nun ja. Aber unter anderem gerade deswegen sind sie dazu außerstande und wollen uns nicht verstehen."

Als er gerade einen Moment über den Ergebnissen der letzten Fußballrunde verweilte und über den eventuellen Chancen, dass seine Mannschaft die Meisterschaft erringen könnte, spürte er den Duft eines sehr feinen, sehr natürlichen und frischen Parfüms. Eigentlich nicht so sehr eines Parfüms als einer feinen Seife und ganz normaler Sauberkeit, wie ihn unschuldige Abiturientinnen oder junge Mütter mit Kind ausströmten. Das Mädchen, das sich neben den Europäer auf die Bank gesetzt hatte, besaß nicht nur große, grüne Augen und große, straffe Brüste, sondern auch eine große, von allen Vorurteilen und Komplexen freie Lust, mit den Nächsten Kontakte anzuknüpfen. Genauer gesagt Lust, sie zu provozieren.
"Könnten Sie jemanden umbringen?" fragte sie ganz direkt mit der Neugier eines Schülers, der versucht, von seinem Lehrer in Erfahrung zu bringen, ob der an Außerirdische glaubt. An Gott beispielsweise oder an grüne Marsmännchen.
"Umbringen?" Den Europäer überlief eine Gänsehaut.
"Natürlich nicht aus Liebe, Hass oder für Geld", ergänzte sie schnell mit dieser typisch leichten Arroganz eines Menschen, der Fastfood von McDonalds und spontanen Sex ohne Kondom auf dem Küchentisch verachtete. "Ich denke an die Revolution."
"Sind Sie Marxistin?"
"Nein. Ich studiere Theologie und schreibe meine Diplomarbeit zum Thema der Ethik während der großen Weltrevolutionen."
"Aha..."
"Ich habe diese Studienrichtung gewählt, weil mein Vater Schlachter ist, und mein älterer Bruder an einer Überdosis Rauschgift starb. Da muss ich in irgendeiner Weise die Ehre der Familie retten. Solche potentielle Ehefrauen wie ich stehen heute hoch im Kurs. Intelligenz, aber ohne übermäßigen Feminismus. Sie verstehen..."
"Aha..."
"Was aha? Würden Sie nun morden oder nicht?"
"Wahrscheinlich ja. Im übrigen muss ich Ihnen gestehen, dass ich gerade so etwas plane. Ich kann Ihnen das ganz offen sagen, weil Sie mir erstens sowieso nicht glauben, und zweitens ich so töten möchte, dass so viel wie möglich Leute Ihres Zuschnitts davon erfahren. Ein Raubmord ist nichts Neues. Ein Mord aus dem Affekt auch nicht. Und von einem Ritualmord hat auch schon fast jeder gehört. Ein philosophisch-medialer Mord jedoch - das ist etwas völlig Neues, meinen Sie nicht?"
"Da sehen Sie's, und das ist eins der Probleme unseres beschissenen, europäischen Systems. Wenn Sie mir verraten hätten, dass sie planen, die Bank da auf der anderen Seite des Parkes zu berauben, könnte ich Sie sofort bei der Polizei anzeigen. Aber dass Sie versuchen, die ganze Weltordnung zu verändern, das interessiert hier niemanden."
"Aber ich möchte doch gar nicht die Weltordnung ändern. Ganz im Gegenteil. Ich möchte mich ihr anpassen. Ich möchte töten, um bekannt und berühmt zu werden. Und bekannt und berühmt möchte ich nur deshalb sein, weil es die einzige Möglichkeit ist, dass die Menschen meine Bücher lesen."
"Ich muss dir sagen", das Mädchen ging zum "Du" über und zu einem äußerst lockeren, jovialen Ton, als ob sie gerade erst im Zug mit einem zufällig kennengelernten Reisegefährten einen starken Schluck aus dem Thermosgefäß genommen hätte, "dass deine Methode, Popularität zu erreichen, leider nicht neu ist. Im antiken Griechenland war es den Chronisten und Historikern deswegen verboten, die Namen solcher Verrückten zu erwähnen, damit sich keine Nachahmer fänden."
"Nur dass wir nicht im alten Griechenland, sondern im modernen Europa leben."
"Aber ganz nebenbei, dein Buch muss schrecklich langweilig sein. Alle Meisterwerke sind meistens ungeheuer langweilig."
"Warum? Mein Buch ist ein Krimi."
"Und warum hast du dir nicht eine traditionelle Methode ausgesucht?" neckte sie ihn, immer stärker durch das Gespräch belustigt. "Sex, Alkohol, Bekanntschaften..."
"Um Bekanntschaften zu knüpfen bin ich zu alt. Alkohol schadet mir, und auf einmal liebe ich nur eine Frau. Die anderen, die ich nicht liebe, aber die sich für mich interessieren, halten mich dann für impotent."
Das Mädchen schaute zum ersten Mal mit dem Blick eines Weibchens auf den Europäer und lächelte ironisch.
"Um jemanden zu töten braucht man ein bisschen Mut, aber du siehst mir in dieser Hinsicht eher wie ein Softie aus."
Der Europäer schämte sich ein bisschen dafür, dass er sich eben schämte und verstummte eine Weile.
"Vielleicht hast du Recht", meinte er ohne besondere Überzeugung.
" Und weiter...?
" ...immerhin kann ich irgendeinen Barbaren von außerhalb Europas engagieren", lachte er boshaft. "Das ist auch eine alte, aber bewährte Methode, früher schon vom römischen Patriziat benutzt und heute von den Diskothekenbesitzern und Chefs von Begleitagenturen."
"Russische oder kurdische Mafia? Nein...", empörte sich das Mädchen. "Das passt nicht zu einem philosophisch-medialen Mord. Ich habe eine bessere Idee!"

Das Mädchen und der Europäer standen gestikulierend auf, sichtlich amüsiert und gleichzeitig ein bisschen beunruhigt davon, dass sie so genau nicht einschätzen konnten, inwieweit dieses ganze Gespräch ernst war. Sie gingen ins nächstgelegene Café, wo die Eigentümer - ein deutsch-vietnamesisches Ehepaar - eine hervorragende Pizza und Eis servierten.
"Du willst töten wegen des Ruhms, ich könnte es eventuell um der Ruhe willen", meinte das Mädchen schrecklich kalt, trocken und ohne die geringsten Emotionen. Der Europäer kam sich vor, als ob er plötzlich aus einem amerikanischen Schwarz-Weiß-Musical aus den dreißiger Jahren in eine moderne Hollywood-Produktion über Totschlag, Rauschgift und Terrorismus versetzt worden wäre - in Technicolor, in Dolby-Sound und auf Breitwand.
"Verstehe ich nicht."
"Du hattest Pech, dass du mich getroffen hast. Dein Plan ist so genau und detailliert, dass er schon undurchführbar ist. Aber das hast du ganz bewusst so gemacht, weil du im Grunde deiner Seele selbst nicht glaubst, dass du fähig bist zu morden. Ein Mord, das ist nicht wie im Fernsehen sich den Krieg in Bosnien anschauen und diejenigen zur Räson rufen, die in den Rücken schießen."
"Das stimmt nicht. Ich habe sogar bereits eine genaue Liste der Zeitungen bzw. der Radio- und Fernsehsender vorbereitet, die ich von meiner Tat benachrichtigen will."
"Mein Verlobter ist Verleger. Er ist 15 Jahre älter als ich. Klug, gebildet, gutaussehend und mit einem goldenen Herzen. Als er sieben Jahre alt war, gleich nachdem er erfuhr, dass seine Eltern Nazis waren, hörte er auf, Deutscher zu sein. Seitdem mag er nur noch Polen und Juden. Auch auf Russen lässt er kein schlechtes Wort kommen. Er kennt und gibt eure Literatur heraus. Auf gutem Papier und mit festem Einband. Nicht selten sogar in 1000 Exemplaren! Er verteilt sie dann an Bekannte von verschiedenen Stiftungen und Kulturämtern. Jede neue Ausgabe ist für ihn wie eine Beichte und gleichzeitig eine Vergebung der alten, nicht begangenen Sünden. Dass er eigentlich nur Vorzüge hat, macht es für mich so schwer, mich von ihm zu trennen. Jetzt hat er mir ein Kind gemacht und möchte, dass ich es ihm gebäre."
"Und du möchtest das nicht?"
"Morgen um 12.00 Uhr Mittag verabrede ich dich mit ihm. Ich werde auch kommen."

Auf dem Platz vor dem Rathaus spielte ein schottisches Militärorchester in karierten Röcken, die farblich hervorragend zu den Sonnenschirmen in den Cafés ringsum passten. Ein Junge mit einem Skateboard malte mit Kreide eine Weltkarte auf die Steinplatten und fragte seine Mutter - indem er mal mit dem Finger auf Nordamerika, mal auf Afrika zeigte - wo jetzt sein Vater sei und wann er zu ihm kommen würde.
"Ich weiß es nicht, Söhnchen", versuchte das etwas verwirrte Mädchen mit den dunklen Gläsern und einem T-Shirt mit der Aufschrift "Love me tender" zu erklären. "Schließlich warst du am vergangenen Wochenende bei deiner Oma in Hamburg und morgen kommt deine Tante aus Maastricht zu uns."

Der Europäer betrat die alte, nach Druckerfarbe, Dunkelheit und Geheimnis duftende Buchhandlung. So eine alten Typs, mit großen Eichenregalen bis an die Decke und einer über der Tür bimmelnden Glocke. Mit einem sorgfältig im Hinterraum verborgenen Computer, dafür aber einem kleinen Salon, wo man in Ruhe die Bücher wenigstens durchblättern konnte, bevor man sie kaufte. Es war dies eine der wenigen Buchhandlungen in der Altstadt, wo die Mietpreise praktisch von Monat zu Monat stiegen.
" Oh gut, dass ich Sie sehe", begrüßte ihn der grauhaarige, leicht gebeugte Mann, der plötzlich wie aus dem Nichts hinter der antiken Lade aufgetaucht war. Er kannte den Europäer, der schon seit über zehn Jahren hierher kam. Manchmal, um sich nur von der Hitze zu erholen, wenn ihm das Geld für ein Bier oder einen Kaffee in den Kneipen ringsum fehlte.
"Ich habe eine unglaubliche Neuigkeit für Sie!" drehte und wendete er sich mit der Zufriedenheit und Ungeduld eines Menschen, der etwas sehr Wichtiges zu verkünden hatte.
"Was ist passiert?"
"Stellen Sie sich vor, gestern hat jemand was bei mir gestohlen! Ist das nicht herrlich?"
"Ich verstehe nicht...."
"Wie, Sie verstehen nicht? Schon seit fast acht Jahren hat mir niemand mehr ein Buch gestohlen. Dort im Lebensmittelladen gegenüber klauen sie ein paar mal am Tag. Zigaretten, Joghurt, Bier... Aber bei mir schon so lange nichts...." Der Alte verfiel in eine ganz eigentümliche Mischung von Melancholie und Entzücken.
"Nun, in diesem Fall gratuliere ich." Der Europäer bemühte sich den Buchhändler bei guter Laune zu halten.
"Und stellen Sie sich vor, derjenige hat mir nicht einmal eine Luxusausgabe gestohlen! Shakespeare im Taschenformat. Für höchstens 10 Mark!"
Der Mann blieb kurz hinter dem langen, schweren Vorhang verborgen und kam nach einer Weile mit einem Teekessel voll heißem Wasser wieder, mit dem er vor den Augen des Europäers Tee in zwei Tassen brühte, die an viktorianische Zeiten erinnerten. "Auf das Wohl des Diebs und des von ihm entwendeten 'Macbeth'".
"Ich rede und rede, und Sie sind sicherlich müde von der Arbeit."
"Meinen Sie die Bonbons oder das Schreiben?"
" Das Schreiben natürlich."
"Klar. Ich habe die ganze Nacht geschrieben und morgen habe ich einen Termin beim Verleger."
"Na prima. Und wo?"
"Im "Europa"."
"Das ist ja herrlich."
"Vielleicht werden Sie um noch einen Ladenhüter reicher. Denn ich bezweifle, dass jemand mein Buch klauen wird."
"Warum glauben Sie so wenig an die Vorsehung? Ich bin siebzig und glaube immer noch daran, dass mein großer Tag erst noch kommt."
Der Europäer zog sich in sich zusammen wie eine Bombe, die gleich explodieren sollte.
"Von all den Leuten in dieser Stadt, die ich persönlich kenne, weiß außer Ihnen niemand, dass ich schreibe. Nicht mal meine Kollegen in der Fabrik, also bringe ich sicher eher jemanden um, als dass einer mein Buch klaut."
Der Alte lächelte nachsichtig und wedelte heftig mit der Hand, so als ob er seinen Gesprächspartner vor dummen Gedanken bewahren wollte. "Auch er glaubt mir nicht, dass ich töten kann", ärgerte sich der Europäer. "Warum müssen die Deutschen ständig die anderen unterschätzen?", regten sich in ihm die atavistischen Reste eines primitiven, von ihm eigentlich doch so verachteten Nationalismus. "Und beim Töten scheinen sie vollends von ihrem Ausschließlichkeitsrecht auszugehen."

Lange wanderte er noch durch die Straßen, wie ein Mädchen aus der Provinz, das auf die Gelegenheit wartet, dass jemand sie als Model entdeckt oder ihr zumindest Kaffee und Kuchen spendiert. Das war ein äußerst beschämendes und erniedrigendes, aber auch gleichzeitig unmäßig starkes Gefühl (wer weiß, ob nicht vielleicht einfach nur Neid auf die unbedarfte Mehrheit, die noch fähig zu naiven Hoffnungen ist), denn schließlich hatte es sich unbeirrt aus der Tiefe der Seele durch eine dicke Schicht eigener Grundsätze und Ideale hindurchgekämpft. Diese Prinzipien, die ihm jede Art von Agenten, Promotoren und Managern zu hassen befahlen, die aus einem Menschen ohne Vergangenheit ganz plötzlich und unerwartet eine willenlose Puppe aus Geld und Ruhm machten. Für nichts. Aus einer Laune heraus. Mit Hilfe von ein paar glücklich verteilten Visitenkarten. Mit Hilfe der Kameras. Mit Hilfe des Zufalls und nicht des starken Willens oder irgendeiner Qualifikation des entdeckten "Opfers".

Bevor er voller Illusionen über Mord, Poesie und Kitsch nach Hause zurückkehrte, ging er erst noch in den Supermarkt, um Toilettenpapier und Pastete zu kaufen. Vor der riesigen Halle flatterten fröhliche amerikanische Fahnen und irgendein trauriger Grieche verkaufte Hähnchen von einem fahrbaren Grill. Noch ein bisschen weiter abseits, irgendwo zwischen Müllcontainern und den "Garagen" für die Einkaufswagen, verkauften zwei Männer Bücher. Der eine nach Gewicht, der zweite stückweise (eine Mark für Paperbacks, drei Mark für die im Festeinband). Der Europäer kannte sie beide vom Sehen, weil sie schon seit Jahren auf allen Flohmärkten der Umgebung auftauchten. Er ging zu dem Jüngeren hin und bat um fünf Kilo der "Geschichte der religiösen Ideen" von Mircea Eliade auf Französisch.
"Am Samstag veranstalte ich eine Gartenparty mit Lagerfeuer", - versuchte er boshaft zu sticheln. "Hoffentlich reicht das als Anzünder, was meinen Sie?"
Der junge, ganz in Schwarz gekleidete Mensch lächelte eisig und verächtlich, als ob er darüber gekränkt sei, dass jemand ihn bei so einer tragikomischen Beschäftigung ertappt hatte.
"Wenn Sie wollen, nehmen Sie lieber "Die Krise der Kultur" von Hanna Arendt. Das wiegt weniger, ist deshalb billiger und außerdem eine alte Ausgabe und brennt daher unter dem Aspekt der Umweltschädlichkeit des Papiers viel besser als die neueren Bücher", nahm der Verkäufer das Spiel auf.
"Entschuldigung", versuchte sich der Europäer zu rechtfertigen. "In diesem Land würde ich es nicht fertig bringen, auch nur ein einziges Buch zu verbrennen. Und wie gehen die Geschäfte so allgemein?"
"Überhaupt nicht. Aber zum Glück habe ich noch ein paar gute Platten. Möchten Sie sie ansehen?"
"Ich hab keinen Plattenspieler."
"Wissen Sie, so schlecht, wie Sie meinen, ist die Welt auch nicht. Die Leute überlassen mir verschiedene Sachen kostenlos, aber noch nie war eine Bibel darunter."

Deutschland ist an frühlingshaften Nachmittagen so schön und so voller Harmonie, dass man es reinen Gewissens als Sammelkandidaten für den Friedens-Nobelpreis vorschlagen könnte. Die einen fuhren mit bunten LKWs Bier in die Kneipen, andere fegten die Straßen, auf denen die Penner und Zigeunerinnen um Brot bettelten, wieder andere strömten mit Bussen zum Arbeitsamt, einem der größten und schönsten Gebäude in der Stadt. Jeder kannte um diese Zeit sehr genau seinen Platz und deshalb störte keiner keinen. Es war so wunderbar, dass nur Leute von einer sehr hohen Sensibilität den Untergang der westlichen Kultur vorfühlen konnten. Der Europäer hatte seinen Rucksack nicht dabei. Seine kleinen, knochigen Hände hatte er zur Faust geballt, und während er an den Kindern, die auf den "game boy" spielten und an den in die Lektüre der Bild-Zeitung vertieften erwachsenen Massen vorüberging, wiederholte er halblaut wie ein buddhistischer Mönch, der das Mantra rezitiert: "Ich habe Talent, ich habe Talent...."

Der Verlag "Europa" befand sich in der Nähe der größten Bank in der Stadt. Sein Chef war tatsächlich sehr nett und sympathisch - ein Mann, wie man ihn sich zum Schwiegersohn oder noch lieber zum Paten für das eigene Kind wünscht. Zwar hielt er die Briefe König Sobieskis an dessen Ehefrau Marysienka für das beste Werk der polnischen Literatur, aber vielleicht war dies verbunden mit dem Gefühl der Dankbarkeit gegenüber dem polnischen Herrscher, der die Türken vor Wien geschlagen und Europa gerettet hatte. Sein Europa. Das Europa der gegenseitigen Achtung, des Verständnisses und der Gleichberechtigung aller Spielarten der eigenen Kultur.
"Haben Sie ihr Buch auf Polnisch oder auf Deutsch da?" kam der Wohltäter sofort zur Sache.
"Auf Polnisch. Der Mensch denkt auf Polnisch anders als auf Deutsch. Dasselbe, aber anders. Das heißt jedoch nicht, dass ich Pole bin. Ich habe genauso aufgehört Pole zu sein, wie Sie irgendwann aufgehört haben, Deutscher zu sein. Und letztlich ist das so lange her, dass ich schon nicht mehr genau weiß, weshalb..." - Der Europäer sprach ruhig, mutig und ohne ein Fünkchen Angst oder Lampenfieber. Während er den Inhalt seines Meisterwerks in gekürzter Fassung erzählte, schaute er sich genau in dem riesigen Arbeitszimmer um, ein wenig überrascht und vielleicht auch enttäuscht von der Abwesenheit des Mädchens vom Park.
"Sie kommt nicht", lächelte der Verleger vielsagend. "Samstags um diese Zeit hat sie immer Stepptanz-Kurs, und gleich danach nimmt sie an der Redaktionssitzung einer Obdachlosenzeitung teil. Das ist ein herrliches Wesen. Eine neuzeitliche Muse."
"Liebt sie Sie?" Der Europäer bemühte sich, wie jeder komplexbeladene Mensch, bei solcher Art öffentlicher, zumindest aber offizieller Auftritte besonders direkt und witzig zu sein.
"Hoffentlich. Ihre Mutter lebt in Israel, das heißt ich konnte es mir niemals erlauben, ganz offen im Gespräch mit ihr zu sein."
"Ich habe gehört, ihr Vater war Fleischer."
"Na und? Denken Sie, dass nur reinrassige Deutsche Fleischer sein können?"
"Natürlich nicht. Ich weiß, was koscher ist."
"Ihr Vater ist Deutscher. Seine spätere Frau hatte er als kleines Kind vor der Gaskammer gerettet. Er ist über zwanzig Jahre älter als sie."
Der Chef vom "Europa" drehte sich zweimal mit dem schwarzen, repräsentativen Ledersessel eines Geschäftsmannes um sich selbst und nahm aus der weißen Tasse einige Schlucke grünen Tee. (Er tut Herz und Kreislauf so gut und schärft die Sensibilität für alle physischen und psychischen Bedrohungen der Zivilisation.)
"Reden wir übers Geschäft. So ganz unter Intellektuellen. Also ohne Umschweife."
Der Europäer brach in Lachen aus.
"Nach dem, was Sie mir erzählt haben, taugt Ihr Buch nichts", - ließ sich der Verleger nicht beirren. "Zu wenig Blut. Zu wenig Sex. Zu wenig Politik. Heutzutage reicht es in diesem Land nicht mal aus, Polen und Deutsche gleichzeitig zu beleidigen. Oder Ähnlichkeiten zwischen ihnen zu suchen. Mich schmerzt das auch, aber so ist die Wirklichkeit, besser gesagt, die virtuelle Wirklichkeit, und Literatur und Kultur haben sich schon lange dem
Gesetz des schlechten Geldes untergeordnet. Schlechteres verdrängt
Besseres."
"Aber Sie haben doch Geld. Ihr Vater hat Ihnen die größte Schnapsfabrik in dieser Region als Erbe vermacht. Ein bisschen Werbung und schon läuft es..."
"Erstens: Leute, die Meisterwerke schreiben, gibt es wie Sand am Meer. Zweitens: Ich brauche eine Idee für ein "Event". Ein paar Rezensenten zu kaufen reicht für einen so Unbekannten wie Sie nicht aus."
"Ich habe eine Idee..."
Der Eigentümer des Verlags "Europa" nickte verständnisvoll mit dem Kopf, so wie es Leute alten Schlags tun, wenn sie an der Haltestelle Behinderten helfen, mit dem Rollstuhl in den Bus zu kommen.
"Ich weiß. Nur - dass Sie kein Mörder sind. Ihr Krimi ist ein Rezept für einen Koch, den es nicht gibt und den es nie geben wird. Dass sie im Alltag Bonbons produzieren, die man im Karneval in die Menge wirft, schockt niemanden. So viele Genies laufen durch die Straßen und machen sich die Hände schmutzig, weil sie nicht von Kind an vor dem Spiegel das richtige Lächeln geübt haben."
"Das heißt, wir haben verloren. Dieser Welt kann man nicht mal einen Tritt versetzen. Warum haben Sie mich dann überhaupt hierher eingeladen, wenn schon klar war, dass ich allerhöchstens ein Möchtegern-Mörder bin? Eine Karikatur meines Buchhelden?"
"Weil verzweifelte Leute manchmal Glück haben, und Sie gehören dazu. Wir werden die Welt an der Nase herumführen, und wir machen das zusammen."
Der Chef von "Europa" öffnete die untere Schublade des schwarzen, massiven Schreibtischs und zog aus ihr einen dünnen Schnellhefter hervor, der nur einige Blätter mit einer kleinen Schrift beschriebenen Papiers enthielt.
"Sie müssen das nicht durchlesen. Kurz gesagt: grüner Tee, Feng Shui, chinesische Gymnastik und Ginseng haben mir nicht geholfen. Ich habe Bauchspeicheldrüsenkrebs und das im fortgeschrittenen Stadium. In zwei, drei Monaten treffe ich mich mit dem Meister. Weil außer mir, unserer gemeinsamen Bekannten und Ihnen niemand davon weiß, können wir das gut ausnutzen. Ich hab auch noch einige Rechnungen offen mit dieser Welt des Internets und des Exhibitionismus."
"Was soll ich tun?"
"Nichts. Oder genauer gesagt: die Rolle spielen, die Sie für sich selbst geschrieben haben. Ich schieße mir in den Kopf, und Sie stellen sich als mein angeblicher Mörder der Polizei. Natürlich platzieren wir erst gezielt hier und da Ihre Fingerabdrücke. Wir stellen auch vorher irgendein Memorial für die Presse zusammen, und ich übergebe meinem Notar das Eingeständnis, dass ich Selbstmord begangen habe, zusammen mit den Untersuchungsergebnissen, die Sie vor kurzem gesehen haben."
Der Europäer begann zu schwitzen. Aber das war keine Furcht. Das war vor allem die Hitze, die sich unerwartet immer dann einstellt, wenn Furcht sich mit Neugier vermischt.
"Ich habe Sie gewählt, obwohl ich im Leben sicherlich einige bessere Bücher als Ihr Meisterwerk gelesen habe", bemühte sich der Verleger ganz besonders überzeugend, d.h. offen zu sein. "Nur dass von Ihnen die Idee ausging, und das Buch sich nach einigen Veränderungen auf die Pflichtlektüreliste für Snobs setzen lässt. Die Massen können Snobs nicht leiden, aber in der Mehrheit setzen sie sich aus ihnen zusammen. So wie die Wähler korrupte Politiker verachten, obwohl sie sie zuerst selbst wählen und sich durch einige leere Versprechungen und Bilder mit der glücklichen Familie im Hintergrund täuschen lassen. An eines sollten Sie sich jedoch nach all diesen Interviews erinnern - wenn schon herausgekommen ist, dass Sie nicht mein Mörder waren, sondern nur ein kleiner Verschwörer: Bekannten und berühmten Leuten fällt es zwar leichter, ihre Bücher zu verkaufen, dafür aber bedeutend schwerer, sie zu schreiben. Ich rate Ihnen im Voraus, das Geld, das Sie mit dem Meisterwerk verdienen werden, gut zu investieren."

Über mehrere Stunden hinweg legten sie die Einzelheiten des fingierten Mordes fest, und stritten sich dabei wie Laien-Bankräuber vor dem ersten Überfall. Es war schon seltsam, beide bedienten sich ihrer literarischen Lieblingshelden. Poireau würde das so machen und Marlow so, Agatha Christie würde darauf achten und Frederic Forsyth darauf. Nur in den grundlegenden Punkten beriefen sie sich auf eigene Erfahrungen, und der Verleger ebenfalls auf Gespräche mit Bekannten aus der Kriminalabteilung.

In dem Brief-Manifest, in dem sich der Europäer zu dem Mord bekannte, klagten sie die Förderer der Kultur an - meistens anonyme Mehrpersonengremien, die mit ihren Fonds zufällig ausgewählte Autoren förderten, und sich später dann nicht mehr die Mühe machten, die von ihnen finanzierten Werke auch zu lesen. "Wie groß ist also die Wahrscheinlichkeit, dass ein wertvolles Werk überhaupt ans Tageslicht kommt?", fragten sie rhetorisch. "Minimal, und sie nimmt immer weiter ab. Bei den großen Autoren vor dreißig, vierzig, hundert Jahren hegte niemand Zweifel, dass sie - von kleinen Ausnahmen abgesehen - keine ihnen Ebenbürtigen hatten. Heutzutage liest man jedoch nicht mehr Meisterwerke, sondern Bestseller (und das sind häufig Sensations- oder Kochbücher), also die große Mehrheit hat überhaupt keine blasse Ahnung davon, was gut ist oder gut sein könnte."
Der Verlagschef behandelte die Schrift, obwohl sie nur vom Europäer unterschrieben werden sollte, gleichfalls als sein geistiges Testament und mischte sich deshalb gewaltsam in die Redigierung ein.
"OK. Das ist genug Ideologie. Jetzt musst du kurz und präzise begründen, warum du gerade mich umgebracht hast. (Mörder und ihre potentiellen Opfer gehen immer, früher oder später, zum "Du" über. Bezeichnen wir das als Stockholm-Syndrom in seiner neuesten Abart).
Der Europäer knabberte die letzte Salzstange und spülte sie mit dem letzten Schluck kalten Kaffees hinunter. "Vielleicht lassen wir uns was vom "Chinesen" kommen?" fragte er geradeheraus, als ob er vergessen hätte, dass er nicht der starke, tapfere Detektiv aus einer amerikanischen Fernsehserie war, sondern nur ein armer, trauriger und von der ganzen Welt beleidigter Pessimist, mit einem Wort: ein Kümmerling.
Der Verleger schaute leicht verwundert unter dichten Augenbrauen auf ihn, ein bisschen erschrocken vielleicht sogar.
"Wir haben hier eine Mission zu erfüllen und nicht Räuber und Gendarm zu spielen", knurrte er leicht verärgert. "Ich jedenfalls bin nicht hungrig."
"Na gut", besann sich der Europäer, der sich bei der Gelegenheit an die zu Hause auf ihn wartenden Quarkknödel erinnerte, die ihm seine Mutter über einen Bekannten aus Polen geschickt hatte. "Ich töte dich", sagte er mit einer leicht erhobenen Stimme voller Bosheit, "weil du ein NIEMAND bist. Weder Deutscher noch Pole, weder Christ noch Atheist, weder ein Mann, der Frauen wirklich liebt, noch ein Millionär, der Geld wirklich liebt, ja noch nicht einmal ein Mensch, der sich seines eigenen Todes erbarmt. Das Einzige, was du machst, ist diese beschissene Welt zu kritisieren, indem du zweimal täglich duschst und Bücher unbekannter Autoren aus Osteuropa in Tausender-Auflage herausgibst!!! Wie gut für dich, dass ich nur nach Alkohol kotze."
Der Chef vom "Europa" blieb einige Sekunden lang stumm, und klatschte dann lässig und langsam in die Hände, so wie es bekannte Regisseure tun, wenn sie sich ganz beiläufig die Aufführung eines Amateurtheaters anschauen oder Intellektuelle, die sich auf diese elegante Weise abreagieren, um zu vermeiden, dass sie beim Ehestreit ihren Partner ohrfeigen:
"Sehr gut. Obwohl andererseits vielleicht ein Fünkchen zu literarisch. Ich bezweifle, dass das
irgendein Inspektor Müller von der Kripo bis ins Letzte begreifen wird."

Der Europäer kam aus dem Chefzimmer des Verlags in einem Zustand heraus, wie man einen Prüfungsraum verlässt: Bleich, schwach, zerknittert und leicht wie eine Feder. Mit dem Bewusstsein eines Neugeborenen, das sich erst langsam darüber im Klaren wird, wer es ist und was es auf der Erde macht. Aus den offenen Fenstern der umliegenden Häuser tönte der Gesang von Kanarienvögeln durch die Gitterstäbe ihrer Käfige, der Frühlingswind hatte aufgehört, direkt in die Augen zu wehen, und auf der elektronischen Anzeige der Bank erschien eine Information über den erneuten Fall des Eurokurses in Bezug auf den Dollar. Es war wirklich der ideale Moment, um endlich jemanden zu töten im Namen und zum Wohle der Kultur.....