von Aleksandra Markiewicz, Leiterin Deutsches
Buchinformationszentrum (BIZ) WarschauGeschichte der polnischen
Illustrationskunst
Die Geschichte der polnischen Illustrationskunst im Kinder- und Jugendbuch der letzten
Jahrzehnte spiegelt die politischen Umwälzungen und die gesellschaftlich-soziologischen
Entwicklungen wieder, die neben den anderen Bereichen das Kulturleben Polens der
Nachkriegszeit entschieden prägten.
Der seit Ende der 40er Jahre im Ostblock herrschende Sozialismus beeinflusste in Polen
in erster Linie Malerei, Bildhauerei und Architektur. Das Bilderbuch wurde vom Diktat der
sozrealistischen Richtlinien grösstenteils verschont und war in Polen eigentlich kaum als
Träger politischer Inhalte angesehen. Ein anderer Grund für die relativ geringe
Infizierung der Kinderillustration durch sozrealistische Ansätze war angeblich die
Annahme, dass die Bilder für Kinder etwas "Urwüchsiges" verkörpern oder
volkstümliche Motive zum Ausdruck bringen sollten.
In dieser ersten Nachkriegsphase überwogen in der Entwicklung der polnischen
Illustration daher volkstümliche Motive und Elemente der naiven Kunst. Zu den
Illustratoren, die sich in jener Zeit durch ihre hervorragenden Werke auszeichneten,
zählte Olga Siemszko (geb. 1914). Diese vielseitige
Künstlerin, die bis heute mit ihren Zeichnungen begeistert, schuf in ihren Anfängen in
der Art der naiven Kunst. Sie überzeugte durch ihren künstlerischen Ausdruck, eine
malerische Note und die mutige Verwendung von Farben. Olga Siemszko, die in ihrer
künstlerischen Laufbahn weitere Entwicklungen durchmachte, ist für viele Generationen
polnischer Künstler ein musterhaftes Beispiel eines ausgesprochen originellen Werkes.
Neben den "naiven Künstlern" schufen in jener Zeit Illustratoren, die
realistisch orientiert waren. Zu den grössten Persönlichkeiten dieser Strömung gehörte
Jan Marcin Szancer (1902-1973), der sich in seinem Werk aus den
50er Jahren durch die Leichtigkeit seines klassischen Zeichnens und eine differenzierte
Farbanwendung unterschied. Diese zwei grossen Künstler jener Zeit, Olga Siemszko und Jan
Szancer, gewährleisteten das höchste Niveau der polnischen Illustration in den Anfängen
der 50er Jahre.
Stalins Tod im Jahre 1953 und der 20. Parteitag in der Sowjetunion im Februar 1956
initiierten eine antistalinistische Stimmung und ein gewisses politisches
"Tauwetter" in Polen. Die Änderung des politischen Klimas nach 1956 hatte ihre
deutliche Auswirkung im künstlerischen Leben Polens.
Einen immer grösseren Einfluss auf den Illustrationsbereich gewann die Plakatkunst,
die sich im Polen der Nachkriegszeit relativ frei entwickeln konnte und zu einem wichtigen
Kulturphänomen der polnischen Sozwirklichkeit wurde, das weltweit als das "Polnische
Plakat" gelobt wurde. Zu den besten Plakatkünstlern zählten damals Henryk
Tomaszewski, Jerzy Srokowski, Waldemar Swierzy, Jan Lenica u.a.
Manche von ihnen erwiesen sich als sehr universelle Künstler, wie Jerzy Srokowski oder
Jan Lenica, die darüber hinaus als Buchillustratoren arbeiteten. Jan Lenica
illustrierte in den 50er Jahren nur wenige Titel für polnische Verlage, die dann auch im
Ausland herausgebracht wurden. Schon die ersten Arbeiten offenbarten seinen
charakteristischen Sinn für Humor, eine kindliche Leichtigkeit der Pinselführung und
eine frische im Kreieren der Welt. Jan Lenica lehnte sich an den in der polnischen
Illustrationskunst allanwesenden Kanon von J.M.Szancer an, aber auch an die Muster der
naiven Illustration der Vorkriegszeit. Er kehrte in den 80er und 90er Jahren zur
Illustrationskunst zurück. Der Bohem Press Verlag aus Zürich beauftragte ihn, einige
Titel zu illustrieren. Jan Lenica bewies zum wiederholten Mal sein Genie, das sich in
seiner enormen Vorstellungskraft, der unverwechselbaren Strichführung und seinem üppigen
grossflächigen Farbauftrag äussert.
Einer der interessantesten Buchillustratoren, der an die Plakatkunst und ihre
Ausdrucksmittel anknüpfte, war Bohdan Butenko (geb. 1931). Die
Bücher, an denen er arbeitete, bewiesen seine besondere Sensibilisierung für die Form
und eine ganzheitliche Behandlung des Buches.
Um die Entwicklung der polnischen Illustrationskunst der letzten Jahrzehnte
vollständig zu schildern, muss man auch die technischen Bedingungen der polnischen
Verlage erwähnen, die sich erheblich von den Möglichkeiten der westlichen Verlage
unterschieden. das in Polen zugängliche Papier entsprach auch weitgehend nicht den
westlichen Standards. manche polnischen Künstler, besonders diejenigen, für die die
Farbe und ihre künstlerische Anwendung entscheidend war, wollten bei der Arbeit die
technischen Mängel der polnischen Druckereien nicht in Betracht ziehen, mussten aber
akzeptieren, dass ihr Werk durch die technischen Unzulänglichkeiten des Druckprozesses
verstellt werden konnten.
Bohdan Butenko vermochte seine Illustrationen möglichst weitgehend zu reduzieren auf
die einfachsten Strukturen und auf die Anwendung der Grundformen. Die technischen Mängel
konnte auch sehr geschickt und konsequent in den 60er Jahren Janusz Stanny
(geb. 1932) umgehen, wobei sich seine Illustrationen durch einen Farbreichtum auszeichnen.
Stanny benutzte auf raffinierte Art und Weise das grobkörnige Papier, das intensiv die
Farben aufnahm, und die grobkörnige Drucktechnik, um wahre Schätze der
Illustrationskunst zu schaffen. Die von ihm illustrierten Bücher vereinten in ihrer
Aufmachung vollkommen die Typographie, den Charakter des Textes und selbstverständlich
die Illustration.
In den 60er Jahren konnte man in Polen von einer Präsenz der Illustrationsavantgarde
sprechen. Das besondere Merkmal der Illustrationsauffassung dieser Künstler war die
Neigung, das Bild harmonisch einzusetzen und die Farbflächen dekorativ auszulegen.
Weniger bedeutend war die präzise Wiedergabe der Einzelheiten. Zu den Illustratoren, die
sich diese künstlerische Regel zu eigen machten, gehörte Jozef Wilkon,
der bis heute mit sehr grossem Erfolg seine Illustrationskunst in der ganzen Welt
verbreitet. Jozef Wilkon verbrachte im Anschluss an sein Studium an der Kunstakademie in
Krakau fast ein Jahr in Paris, fing bald an, für französische Verlage zu arbeiten, und
dann schnell mit deutschsprachigen. Wilkon wurde auch etwas später in Japan sehr
berühmt. Als Inspirationsquellen nennt der Künstler Tachisten, Raoul Dufy und seinen
fauvistischen Ansatz, nicht zuletzt Rene Magritte, seinen Ursprung sieht er also eindeutig
in der Malerei. Wilkon ist ein unverkennbarer Meister in der Verbindung von Illustration
und Text, "so dass sie sich ergänzen und eine Spannung im Bereich wächst wie beim
Theater und alles in die richtige Zeit und richtige Proportion bringt". (Jozef
Wilkon)
In der 2. Hälfte der 60er Jahre kam Pop-Art nach Polen mit ihrer Direktheit und den
Ausdrucksmitteln, die intellektuelle Metaphern durch Bilder ersetzten. Mit der
Pop-Art-Strömung entwickelte sich auch in Polen dekorative und sehr farbige
Illustrationskunst, die sich einerseits auf Sezession berief und andererseits
Comic-Elemente benutzte. Diese neue Illustrationstendenz vertraten in erster Linie Julitta
Karwowska-Wnuczak und Krystyna Michalowska. Neue
Ansätze der Illustrationskunst, die von der Pop-Art stark beeinflusst waren, verfolgte
dann auch Bohdan Butenko.
Mitte der 70er Jahre endete der Pop-Art-Trend in der polnischen Illustrationskunst. Der
kindlich naive Stil kam zur Geltung, die linear dekorative Form, was auch als Tendenz im
Westen zu verzeichnen war. Die Künstler, die ihre Inspiration in der Plakatkunst sahen,
z.B. Andrzej Strumillo, änderten vollkommen ihren Stil. Die Konturen waren nicht mehr
scharf, die Farben verwässerten. Eine Künstlerin, die mit der linearen Dekorativität
zurechtkam, war Elzbieta Gaudasinska, die in ihren
Illustrationen Elemente der Sezession mit folkloristischen Elementen verband. Es wurde in
ihrem Werk und dem der anderen Künstler eine phantasievolle Welt kreiert, die an den
phantastischen Realismus der westlichen Kunst anknüpfte. Diesen Stil entwickelte der aus
Litauen stammende Stasys Eidrigevicius (geb. 1949), der seine
Illustrationen auf witzige Art gestaltet, wobei sie gar nicht lustig sind, sondern häufig
von einer durchdringenden Traurigkeit. Stasys Eidrigevicius wurde etwas später auch im
Ausland bekannt, in Japan wurde sogar in den 90er Jahren sein Museum eingerichtet.
In den 80er Jahren fand das Werk von Antoni Boratynski (geb.
1930) eine immer grössere Anerkennung, wobei dieser Künstler schon in der 60er und 70er
Jahren viel illustrierte, aber erst in seinen Titeln, die von den viel besser technisch
ausgestatteten westlichen Verlagen herausgebracht wurden, kommt die Schönheit und
Vielfalt seiner surrealistischen Motive zum Ausdruck. Seine Bücher könnte man als
wichtige Oasen im oftmals verkommenen Bilderbuchdschungel bezeichnen. Boratynski malt
weder lieblich noch fröhlich. Der Künstler tendiert häufig zu düsteren und
emotionsschweren Eindrücken. Seine Bilder lehnen sich an Goya an, an die grossen
niederländischen Meister Breughel und Bosch, den unverwechselbaren Chagall; von den
polnischen Künstlern nennt er Andrzej Makowski als Vorbild.
Die Anfänge der 80er Jahre zeichneten sich schon deutlich durch den Papiermangel aus,
der fast das ganze Jahrzehnt andauerte. Die Verlage erlebten enorme finanzielle
Schwierigkeiten, die sich auf das künstlerische Niveau der Bilderbücher auswirkte.
Der politische und wirtschaftliche Wandel brachte in Polen Anfang der 90er Jahre die
Privatisierung des Verlagswesens und eine enorme Welle von westlichen Titeln, im
Kinderbuch leider in ihrer billigen und sehr kitschigen Form. Die Regeln der
Marktwirtschaft, die totale Veränderung des Buchsektors und vor allem des
Vertriebssystems, die Neugründung vieler Verlage, die leider häufig etwas dilettantisch
geleitet wurden, und ein Kaufrausch von westlichen Titeln - manchmal ohne tiefere
Reflexion über die Qualität der Bücher -, führte dazu, dass das Bilderbuch in Polen
fast ausschliesslich in der Disney-Aufmachung erschien. Von den illustrierten
Kinderbüchern, die in Polen in den 90er Jahren herausgebracht wurden, könnten nur ganz
wenige aus Kunstbücher gelten. Vor dem Hintergrund der süsslich naiven Illustrationen,
die häufig ohne jeglichen Anspruch auf ästhetische Werte texte von polnischen und
internationalen Kinderbuchautoren begleiten, unterscheiden sich die Titel mit Zeichnungen
von Maria Ekier, die ihre völlig eigene phantasievolle Welt
entwickelt, von auffallender Sensibilität und reizender Magie. Maria Ekier wird uns
sicherlich weitere Illustrationen schenken, in denen sich uns dann ihre geheimnisvollen
und mit grösster Akribie geschaffenen Welten erschliessen werden, da diese Künstlerin
bis jetzt sehr wenige Titel illustrieren konnte. Für Maria Ekier soll die Zeichnung das
Unausgesprochene ausdrücken, das weitete Assoziativen erwecken kann.
Auch die jüngeren Künstler versuchen sich auf diesem sehr schwierigen Markt
durchzusetzen. Einer, der mit Sicherheit zu den erfolgreichsten gehört, ist Pawel
Pawlak. Sein Erfolg ist insofern spektakulär, da er vieles für
französische und kanadische Verlage illustriert und trotz des grossen
marktwirtschaftlichen Druckes seine eigene originelle Note und Farbwelt beibehält.
Man hofft in Polen, dass sich die Situation auf dem polnischen Buchmarkt weiter
stabilisiert und die Illustrationskunst somit ihren wichtigen Platz wieder annimmt. Die
latente künstlerische Kraft der polnischen Illustratoren soll wieder anerkannt werden,
damit die polnischen Bilderbücher ihren Rang in Polen und im Ausland erneut erreichen.
Eine ganz entscheidende Rolle kommt unter diesen Umständen den polnischen Verlegern zu,
die nach der Begeisterungsphase für internationale Titel, die häufig billig reproduziert
werden, wieder polnische Autoren und Illustratoren zu Wort und Pinsel kommen lassen. Man
muss den Mut haben, ein eigenes, anspruchsvolles Verlagsprofil zu gestalten, damit auf
diese Art und Weise der Geschmack des breiten Publikums gefördert werden kann. In Polen
müsste sich das Spektrum der erscheinenden Kinderbücher erweitern und dabei die
Aufmerksamkeit für die Gestaltung der Bücher vergrößern, damit neben den weniger
ambitionierten Titeln auch Kunstbücher für Kinder und Jugendliche ihre Leser und
Liebhaber finden könnten.
Kommentar zu der fehlenden Anwesenheit der polnischen Titel im Ausland
Polens Auftritt als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse hat im polnischen
Buchbereich eine Diskussion über die Anwesenheit oder aber die Abwesenheit der polnischen
Literatur im Ausland ausgelöst, die aber einen eher eingeschränkten Umfang hatte. Aus
dieser Diskussion wurde fast vollkommen das polnische Kinder- und Jugendbuch
ausgeschlossen. Die polnischen Kinderbuchverlage haben schon längst die Erfolge der
heimischen Autoren im Ausland vergessen, wollen sich vielmehr darum kümmern, ihre
Autoren, auch diejenigen, die seit langem gut bekannt sind, zu fördern, ohne sich für
ihre Promotion im Ausland zu interessieren. Diesen Standpunkt spiegeln die Kataloge der
polnischen Kinderbuchverlage wieder, die ausschliesslich auf Polnisch erscheinen und die
die fehlenden Kontakte zu internationalen Buchmärkten aufzeigen. Diese Lücke sollte der
Katalog der polnischen Kinderbücher der letzten Jahre füllen, der als Promotionmaterial
von der polnischen literarischen Arbeitsgruppe für Frankfurt 2000 konzipiert wurde. Man
könnte sich fragen, wem dieser Katalog dienen sollte, da er die Ansätze der
Promotionsstrategie nicht ausreichend berücksichtigt. Der Katalog liest sich wie eine
Sammlung von etwas zufällig ausgewählten Titeln, die sehr spärlich vorgestellt und ohne
Übersetzungsproben ausgestattet sind. Die Autoren dieses Katalogs haben völlig
vergessen, dass das Kinderbuch häufig ein Bilderbuch ist. Die polnischen Illustratoren
und ihr Werk kommen in diesem Katalog kaum zur Geltung. Es nimmt kein Wunder, dass das
Echo der westlichen Verleger auf diesen Katalog ausblieb.
Andererseits ist es so, dass sich die internationalen Verlage für das polnische
Kinderbuch kaum interessieren. Auf der Internationalen Buchmesse in Warschau, die als
zweitgrösste Buchmesse Europas gilt, merkt man, dass die westlichen Verlage mit Ausdauer
ihre eigenen Titel zu verkaufen versuchen, meiden aber jeden Kontakt mit dem polnischen
Kinderbuch, was aber angesichts der jetzigen Situation auf dem polnischen Kinderbuchmarkt
und der schwachen Promotion polnischer Titel wahrscheinlich nachzuvollziehen wäre.