Piasten - die piastische Dynastie geht der Legende nach
auf deren bäuerlichen Gründer Piast zurück, dessen Nachfahren Siemowit, Leszek,
Siemomysl und schließlich Mieszko I. gewesen sein sollen. Ohne näher auf die Legende
eingehen zu wollen, fest steht dass Mieszko I. um 960 die polnischen Stämme unter
straffer Führung geeinigt hat und 966 das Christentum nach römischem
Ritus für sich und sein Volk annahm, was eine äußerst kluge Entscheidung war. Zum
einen, weil Polen dadurch nicht zwischen missionseifrigen Nationen und Stämmen
aufgerieben wurde und zum zweiten, weil Mieszko und später sein Sohn Boleslaw auch unter
dem Vorwand der Heidenmission die eigenen Grenzen ausweiten konnten. Zwei
Jahre nach der christlichen Taufe Polens wurde dann in Posen das erste Missionsbistum
errichtet, unabhängig vom deutschen Erzbistum in Magdeburg und mit direktem Draht nach
Rom. Oberstes Ziel der Außenpolitik Mieszkos I. war die Vergrößerung seines
Herrschaftsgebietes, so ist es auch zu erklären, dass Mieszko die kaiserliche
Oberherrschaft anerkannte und für neueroberte Gebiete Tribut zu zahlen bereit war, ohne
jedoch vorerst in ein förmliches Lehensverhältnis zu geraten. 986 huldigte er Otto III.
als Vasall und konnte dadurch auch auf dessen Hilfe bei der Eroberung
Kleinpolens und Schlesiens setzen.Als Mieszko I. 992 starb setzte sein Sohn Boleslaw
I. Chrobry (der Tapfere) seinen Herrschaftsanspruch durch und
schloss bis zum
Ende des ersten Jahrtausends die schon von seinem Vater begonnene Eroberung Kleinpolens
und Schlesiens ab. Parallel zum weltlichen Machtausbau und der inneren Festigung Polens
sorgte die Entscheidung Papst Silvesters III. zur Errichtung des Erzbistums Gnesen
im Jahr 1000, mit den Suffraganen Krakau, Breslau, Kolberg und Posen, für den Aufbau
einer eigenen Kirchenstruktur (unabhängig vom Erzbistum Magdeburg und dem dt. Kaiser) und
damit langfristig für eine Loslösung Polens vom Deutschen Reich. In langen Kämpfen
gegen Kaiser Heinrich II. und die Przemysliden konnte Boleslaw der Tapfere während seiner
Herrschaftszeit die Lausitz, Teile von Mähren und der Slowakei, sowie Schlesien und
Pommern an Polen angliedern. Den Höhepunkt seiner Macht erlebte er, als er sich zu
Weihnachten 1024 mit Einwilligung von Papst Johannes XIX. zum König von Polen
krönen ließ - allerdings starb er schon ein halbes Jahr darauf.
Mit
dem Tod Boleslaws I. endete auch die erste frühpiastische Blütezeit. Durch Erbstreitigkeiten
gingen viele der eroberten Gebiete nach und nach wieder verloren und Polen zersplitterte
für die nächsten fast dreihundert Jahre in viele, sich zum Teil heftig bekämpfende Teilfürstentümer.
Die einzige Institution die die Polen noch an ihre gemeinsame Vergangenheit und ihre
Zusammengehörigkeit erinnerte war die polnische Kirche. Im 14. Jahrhundert gab es dann
erstmals wieder ernsthafte Versuche Polen zu einigen, da man sich angesichts der
mächtigen Gegner an den "polnischen" Grenzen darüber im klaren war, nur
gemeinsam überleben zu können.
Aber der Reihe nach: Die folgenden neun Jahre nach Boleslaws Tod waren geprägt von
Nachfolgestreitigkeiten, in deren Folge die Königswürde wieder verloren ging und Polen
kurzfristig sogar dreigeteilt war. Boleslaw I. Chrobry bestimmte nicht seinen
erstgeborenen Sohn Bezprym, sondern den jüngeren Mieszko II. Lambert zum
Nachfolger, was den deutschen Kaiser und den Fürsten von Kiew zur Intervention
veranlasste. Mieszko II. konnte sich zwar noch bis 1031 halten, musste dann aber nach
Böhmen fliehen, während Bezprym die Herrschaft übernahm und als
Gegenleistung für die Hilfe auf die Königswürde verzichtete. Aber schon ein Jahr
später wird er ermordet, Mieszko II. Lambert kommt zurück, muss sich 1033 dem Kaiser
unterstellen und wird 1034 ebenfalls ermordet. Während dieser Zeit gingen die Lausitz und
Mähren wieder verloren.
Nach Mieszkos Tod war die erste große Krise in der noch jungen
Geschichte Polens perfekt. Sein Nachfolger Kazimierz I. wurde 1037 nach
einer Erhebung des Adels vertrieben, der Böhmerherzog brach brennend und sengend nach
Polen ein, verwüstete große Teile des Landes und behielt Schlesien für sich, Pommern
wurde vom Dänen Knut besetzt, Masowien wurde bis 1047 ein unabhängiges Herzogtum und zu
allem Überfluss führte die allgemeine Anarchie in der gerade erst
christianisierten Bevölkerung zu einer heidnischen Reaktion - Geistliche
wurde vertrieben oder erschlagen, Kirchen und Klöster niedergebrannt, das kirchliche
Leben kam zum erliegen.
Mit Unterstützung Kaiser Heinrichs IV. und des Fürsten von Kiew konnte Kazimierz sich
1039 an die Rückgewinnung und Erneuerung des Landes machen, daher auch sein Beiname Kazimierz
I. Odnowiciel, der Erneuerer. Deutsche Benediktinermönche wurden ins Land
geholt, Klöster gegründet, das kirchliche Leben langsam wieder aufgebaut. Masowien wurde
unterworfen und wieder eingegliedert, Pomerellen ebenso und schließlich 1050 auch wieder
Schlesien. Sein Sohn und Nachfolger Boleslaw II. Smialy (der Kühne)
konnte den Investiturstreit zwischen Papst und Kaiser und die
bürgerkriegsähnlichen Zustände im Reich unter Kirchenbann dazu nutzen, durch konsequent
antikaiserliche Politik den Papst zur Billigung seiner Krönung zum
König von Polen (Weihnachten 1076) zu bewegen - kurz vor Heinrichs IV. Gang nach Canossa
und gut 50 Jahre nach dem Tod Boleslaws I. Chrobry.
Dennoch war Polen innenpolitisch unruhig und der König keineswegs unumstritten. Keine
drei Jahre nach seiner Krönung lies er den Krakauer Bischof Stanislaus,
den späteren Nationalheiligen, durch Abhacken der Glieder, nachdem er
des Verrats beschuldigt wurde, grausam hinrichten - ein willkommener Anlass für die
Opposition einen Aufstand anzuzetteln, Boleslaw zu vertreiben und seinem schwachen, leicht
beeiflussbaren Bruder Wladyslaw Herman zur Macht zu verhelfen. Dieser
versuchte erst gar nicht die Königswürde zu erneuern und hatte auch innenpolitisch so
schwer zu kämpfen, dass eine aktive, selbstbewusste Aussenpolitik unmöglich war.
Nach seinem Tod im Jahre 1102 kam es zu den fast schon üblichen Nachfolgestreitereien
zwischen seinen Söhnen Zbigniew und Boleslaw, die der jüngere, beliebte und
unternehmungslustige Boleslaw III. Krzywousty erst 1107 endgültig für
sich entschied. Und wieder sprach der durch die ewigen Streitereien immer mächtiger
werdende Adel ein kräftiges Wörtchen mit - und gerade der Landadel versprach sich nach
Jahren der Stagnation vom wagemutigeren Boleslaw III. eine expansivere Aussenpolitik und
somit "fette Beute". Tatsächlich gelang es ihm 1114 den
böhmischen Verzicht auf die Oberherrschaft über Schlesien zu erzwingen, ebenso wie die
Rückgewinnung Pommerns, das er 1135 auf dem Hoftag zu Merseburg von Kaiser Lothar III. zu
Lehen nahm.
Vielleicht aus seiner eigenen Erfahrung im Kampf um die Nachfolge seines Vaters und um
eine nochmalige Schwächung des Landes nach seinem Ableben zu verhindern, machte er sich
schon frühzeitig Gedanken über eine geregelte Nachfolge. Er hatte vier
Söhne und wollte einen erneuten Bruderkrieg verhindern. Zu diesem Zweck
schuf er die Senioratsverfassung: der älteste Sohn sollte als Senior die
Herrschaftsrechte hinsichtlich Verwaltung, Münze, Heerführung, Justiz, Aussen-,
Verteidigungs- und Kirchenpolitikpolitik innehalten, sowie die förmliche Aufsicht über
die den anderen Erbberechtigten zur Versorgung überlassenen Ländereien. Desweiteren
fallen dem Senior Krakowien, Pommern und ein Teil des südlichen Großpolen als Krongut
zu. Diese Senioratsverfassung trat mit dem Tod Boleslaws III. in Kraft und führte in der
Folge zu einem regelrechten Flickenteppich von Teilfürstentümern und
dem Zerfall Polens als Staat an sich.